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Brasília – Stadt im Schatten

posted by GOE on 2009.06.16, under PLACES

Die Hauptstadt Brasiliens ist ein Juwel Südamerikas. Von der UNESCO 1987 zum Weltkulturerbe erkoren, bietet Brasília eine architektonische Hochkultur wie wenige andere Städte im bevölkerungsreichsten Land des südamerikanischen Kontinents. Großzügig gebaut und dünn besiedelt kennt man im Landesinneren nicht das Ausmaß an Verfall und Armut, das sich großer Küstenstädte wie Rio de Janeiro oder São Paulo bemächtigt hat. Die Bevölkerungsentwicklung vollzieht sich in rasantem Tempo. Seit der Gründung vor knapp 50 Jahren hat sich die Einwohnerzahl in der Metropolregion von 140.000 auf 2,5 Millionen fast verzwanzigfacht.

Doch Brasília führt ein schattiges Dasein im Rücken der massigen Mega-Metropolen am Atlantik, die auf den ersten Blick – trotz oder wegen ihrer krassen Gegensätze – die Erwartungen an eine Hauptstadt von Weltformat eher erfüllen. Ein genauerer Blick offenbart jedoch auch, wie imposant diese Zurückhaltung sein kann. Ein Gang durch die Stadt mutet wie ein Blick in die Zukunft an. Der futuristischen Architektur Brasílias liegt ein avantgardistisches städtebauliches Konzept zugrunde, das sich durch eine Leichtigkeit der Linienführung auszeichnet und mit einer Kombination aus Kurven und Geraden den beinahe schwebenden Gebäuden eine bemerkenswerte Plastizität verleiht.

Brasilia© Moritz Schmid / MAGROUND

Brasílias Geschichte beginnt mit dem Beschluss für den Bau einer neuen Hauptstadt, der 1891 in der Verfassung verankert wurde. Als Nachfolger von Rio de Janeiro sollte sie den Bedarf nach einem föderalen Zentrum im Landesinneren erfüllen und damit zugleich die Entwicklung der inländischen Infrastruktur fördern. Nachdem 1922 die Grundsteinlegung nahe der Stadt Planaltina stattfand, verstrichen mehr als drei Jahrzehnte, ehe Lúcio Costa Ende der Fünfziger Jahre von Präsident Juscelino Kubitschek berufen wurde, als ausführender Stadtplaner die künftige Hauptstadt gemeinsam mit dem Architekten Oscar Niemeyer zu errichten. In einem gewaltigen Kraftakt wurde die Stadt binnen weniger Jahre aus dem Boden gestemmt – allein der für den Bau notwendige Stahl musste aus mehr als tausend Kilometern Entfernung herangeschafft werden.

Costa und Niemeyer hatten bereits den brasilianischen Pavillon für die New Yorker Weltausstellung im Jahr 1939 entworfen und begannen mit der Umsetzung von Costas „Plano Piloto“ auf dem zentralen Hochplateau in über tausend Metern Höhe. Als städtischer Grundriss wurde ein Kreuz gewählt, das die Erschließung der abgeschiedenen Gegend wie eine Landmarkierung symbolisieren soll. Die Eixo Monumental bildet dabei als Ost-West-Achse das Herzstück der Stadt; dort reihen sich auf einer Länge von knapp zehn Kilometern die bekanntesten Bauwerke aneinander. Am westlichen Ende der Achse befindet sich auf einer Fläche von rund 26.000 m² mit dem Platz der drei Gewalten die steingewordene Repräsentation der exekutiven, legislativen und judikativen Staatsgewalt. Neben dem mehrstöckigen Regierungssitz finden sich hier der Nationalkongress und der Oberste Gerichtshof Brasiliens, die, wie alle öffentlichen Gebäude, nach den Entwürfen Niemeyers umgesetzt wurden.

Gleiches gilt für die Catedral Metropolitana, der Kathedrale von Brasília – sie ist zweifelsohne eines der Meisterwerke Oscar Niemeyers. Für den kreisrunden Bau mit einem Durchmesser von 70 Metern wurden ausschließlich Beton und Glas verwendet. Charakteristisches Merkmal des Bauwerkes sind seine 16 hyperbolisch geformten Betonsäulen, die das Kirchenschiff wie betend gen Himmel gerichtete Hände umfassen. Der weitgehend leere Innenraum bietet 4.000 Menschen Platz und liegt einige Meter unterhalb der Bodenoberfläche, weshalb er nur über einen hinabführenden Zugang betreten werden kann.

Brasilia_02© Moritz Schmid / MAGROUND

Niemeyers Schöpfungen zeichnen sich durch weiche Konturen und eine plastische Formensprache aus, der unverkennbar die verfeinerte Ästhetik der architektonischen Moderne anhaftet. Während seiner Zeit als Assistent von Le Corbusier hat er dessen funktionelle Architekturlehre verinnerlicht, deren auf Zweckmäßigkeit gerichtete Entwürfe klare und einfache Körper bei Verwendung moderner Baustoffe und Fertigungstechniken vorsehen. Ein Streifzug durch Brasília macht schnell deutlich, dass kaum eine andere Persönlichkeit der modernen Architektur einen Lebensraum so stark geprägt hat wie Niemeyer. Die Stadt ist das Panoptikum eines avantgardistischen Genies, dessen Handschrift sich auch in zahlreichen anderen Bauwerken auf dem gesamten Globus wieder finden lässt. Wer bei einer Reise nach Brasília nicht genug Zeit mitbringt, um alle Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, sollte sich im Espaço Lúcio Costa zumindest an dem 179 m² großen Modell der Stadt ansehen, was er verpasst.

Als Hauptstadt hat es Brasília nie geschafft, aus dem Schatten ihres Vorgängers zu treten, der Sinnbild des impulsiven brasilianischen Lebens ist. Das mag daran liegen, dass sie mit ihrer relativ geringen Größe nicht die Vielfalt und Dynamik des 200-Millionen-Einwohner großen Staates abbildet, die sich in Rio oder São Paulo eher präsentiert. Hinzu kommt, dass die noch junge Stadt nicht auf „natürliche” Weise entstanden ist und ihr deshalb die organisch gewachsenen Strukturen fehlen, die einem Lebensraum jenes individuelle Gesicht verleihen, das sich nicht am Reißbrett entwerfen lässt.

Die neue Hauptstadt musste die Liebe ihrer Bewohner erst gewinnen und leidet bis heute unter einem Mangel an atmosphärischer Intensität. Oscar Niemeyer sah das Experiment wohl auch deswegen, etwas düster rückblickend, als nicht erfolgreich an. Damit hat Brasília ein ähnliches Schicksal ereilt wie das australische Pendant Canberra, ebenfalls eine als Kompromisslösung entstandene Hauptstadt aus der Retorte. Canberra nimmt sich mit seinen knapp 350.000 Einwohnern vergleichsweise bescheiden aus gegen Metropolen wie Sydney oder Melbourne, die bei zehnfacher Größe ein anderes Flair versprühen. Es steht sicher nirgendwo geschrieben, dass die größte und bekannteste Stadt eines Landes auch dessen politisches und kulturelles Zentrum zu sein hat – das mag zwar häufig der Fall sein, letztlich bemisst sich die Qualität dafür aber nicht an den Erwartungen die an sie gestellt werden, sondern an dem individuellen Charakter, der jedem Raum seine einmalige Identität verleiht.

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